Pfingsten - das vergessene Fest

„Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken übten ein
fröhliches Lied die neuermunterten Vögel; jede Wiese sproßte von
Blumen in duftenden Gründen, festlich heiter glänzte der Himmel und
farbig die Erde.“ So beginnt Goethes Versepos „Reineke Fuchs“.
Und so erleben wohl auch die meisten unserer Zeitgenossen das
Pfingstfest. Pfingsten, das ist ein verlängertes Wochenende im
Grünen, das ist ein Ausflug auf den Grillplatz, das ist ein
Spaziergang im Wald. Pfingsten ist ein Frühlingsfest. Dass
Pfingsten in erster Linie ein christliches, ja, ein kirchliches
Fest ist, wird dabei meistens vergessen.

Das Titelbild aus dem St.-Peter-Antiphonar in Salzburg zeigt ein
völlig anderes Bild von Pfingsten. Dargestellt ist die Ausgießung
des Heiligen Geistes. Zehn Jünger scharen sich um Petrus, der das
Oberhaupt der gerade entstehenden christlichen Gemeinde sein wird.
Der Jünger Judas, der Jesus verraten hat, lebt ja nicht mehr,
und dass für ihn ein Nachfolger mit Namen Matthias gewählt wurde,
scheint dem Maler dieser Illustration nicht bekannt gewesen zu sein.
Oberhalb dieser Personen sieht man eine nach unten schwebende Taube,
ein Sinnbild für den Heiligen Geist. Sie verstreut Feuerflammen,
die sich auf die Köpfe der Jünger senken werden. Warum es nur neun
Feuerflammen sind und nicht elf, bleibt unklar. Damit beschreibt
der unbekannte Buchillustrator den wichtigsten Aspekt des Pfingst-
festes.
 
Es ist die Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Jünger Jesu.
Sie sind dem auferstandenen Herrn begegnet, sind versammelt in
Jerusalem. Und nun geschieht das, was Jesus ihnen versprochen hatte:
Sie werden ausgestattet mit dem Geist Gottes. Das hat zur Folge,
dass die Jünger zu predigen beginnen, Petrus allen voran. Und jeder
versteht, was sie sagen, egal, woher die Zuhörer gerade kommen.
Viele glauben der Verkündigung und vertrauen ihr Leben Jesus Christus
an. Eine Gemeinde entsteht, die erste christliche Gemeinde in der Welt.

Damit wird eine Bewegung ins Leben gerufen, aus der die weltweite
Kirche Jesu Christi entsteht. Von nun an ist Gottes Geist in der Welt
gegenwärtig und schafft sich überall dort Raum, wo das Wort vom Kreuz
verkündigt wird. Ohne dieses Pfingstereignis gäbe es keine Kirche,
keinen Glauben an Jesus Christus, keine Hoffnung für die Hoffnungslosen.
Ohne Pfingsten wäre die Lehre Jesu von der Liebe Gottes nicht zu uns
gekommen. Ohne Pfingsten wäre unsere gesamte Kultur eine andere.
Wir sind das, was wir sind, weil der Heilige Geist die Kirche ge-
schaffen hat und von Generation zu Generation Menschen für
Jesus Christus begeistert. Das ist es, was wir mit Pfingsten feiern.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe Pfingsten.

Ihr  Diederich Lüken